
Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Estnische Euro-Münzen zeigen den baltischen Staat auf der Rückseite
Der kleine baltische Staat Estland wird am 1. Januar 2011 Mitglied der Eurozone. In den letzten 100 Jahren hatten die Esten acht verschiedene Währungen. Der Euro soll länger bleiben.
BILD Estland-Date 28 Dezember 2010 "Mein Opa", so erzählt Anti Poolamets, "hat acht Währungen erlebt. Drei Währungen während der Revolutionszeit, die Krone in den Zwanziger Jahren, Besatzungsgeld während der Nazizeit, verschiedene Rubel in der Sowjetunion, dann wieder die estnische Krone seit 1992 - und jetzt also der Euro!" Anti Poolamets, Jurist und Historiker aus Tallinn, kämpft gegen die europäische Gemeinschaftswährung Euro. Er will die Krone behalten, die er als Symbol der Unabhängigkeit seines jungen Staates ansieht.
1991 wurde die ehemalige Sowjetrepublik Estland als unabhängiger Staat anerkannt. "Wer die Währung herausgibt, hat die Macht", meint Poolamets, der im Internet eine Kampagne gegen den Euro organisiert hat. Nach seinen Angaben zeigen Meinungsumfragen, dass die Esten den Euro ebenfalls ablehnen. Die estnische Regierung solle erst einmal abwarten, ob sich der Euro aus seiner Krise befreien kann.
Krone war nie unabhängig

Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Anti Poolamets hält den Euro für die Titanic der Währungen
Anti Poolamets ist im Finanzministerium durchaus bekannt. Die Pressesprecherin des Ministers verdreht beim Erwähnen seines Namens die Augen. Und Minister Jürgen Ligi wird nicht müde, die Argumente der Euro-Gegner zu zerpflücken. "Die estnische Krone war nie eine unabhängige Währung", so Finanzminister Jürgen Ligi. "Sie war von Anfang an an die Deutsche Mark und dann an den Euro gekoppelt. Wir haben den Wechselkurs in 18 Jahren nie verändert. Die Deutschen und die Eurozone haben unsere Währungspolitik gemacht und wir sind gut damit gefahren."
Den Euro jetzt als Bargeld einzuführen sei eigentlich nur ein kleiner Schritt und zeige möglichen Investoren, dass Estland seine finanzpolitischen Hausaufgaben gemacht hat. Die Staatsverschuldung ist die niedrigste in der gesamten EU. Nach einem bitteren Einbruch in der Wirtschaftkrise 2008 und 2009 wächst die Wirtschaft des baltischen Tigers Estland nun wieder. Die öffentlichen Haushalte wurden konsolidiert. Die Inflation, die 2007 noch die Einführung des Euros verhindert, liegt unter den geforderten zwei Prozent pro Jahr.
Das Finanzministerium hat Jürgen Ligi mit einem riesigen Euro-Plakat verkleiden lassen. "Der Euro wird für viele Jahre die Währung in Estland sein. Wir sind auch bereit, uns am Rettungsschirm für schwächelnde Euro-Staaten angemessen zu beteiligen", sagt der Finanzminister im DW-Interview. Vom 1. Januar 2011 an wird er formal gleichberechtigt mit den Finanzministern der übrigen 16 Euro-Länder am Tisch sitzen und seine 1,3 Millionen Landsleute in Brüssel vertreten.
Die kranke Braut

Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Werbung für den Euro am Finanzministerium
Die Esten fremdeln noch ein wenig mit dem neuen Geld. "Diese ganzen Münzen sind sehr unbequem", stöhnt der Taxifahrer vor dem Finanzministerium. Bislang gab es die estnische Krone bei einem Kurs von 15 Kronen zu einem Euro hauptsächlich in Scheinen. Der Euro und die Cents kommen in dicken Münzen daher. "Ich werde ein neue Geldbörse und eine andere Kasse brauchen", so der Taxifahrer. Die Studentin Evelyn Tamm ist auch nicht so richtig begeistert. Zwar brauche sie auf Reisen nach Europa jetzt nicht mehr umzutauschen, aber diese ständige Umrechnerei im Kopf, wenn sie in den Laden in Tallinn geht, fällt ihr schwer. "Meine Mutter, die schon den Übergang vom russischen Rubel zur Krone mitgemacht hat, hat mir erzählt, dass man nach einigen Monaten aufhört umzurechnen. Mal sehen", sagt Evelyn Tamm.
Die Münzen sind für Maris Hellrand, eine Kommunikationsmanagerin in Tallinn, nicht das große Problem. Schließlich zahle man in Estland fast alles mit der Kreditkarte, auch kleine Beträge. Angesichts der Eurokrise müsse man schon fragen, ob es richtig sei, gerade jetzt "die kranke Braut" zu heiraten, sagt Maris Hellrand. Sie glaubt vielmehr, dass durch den Euro die Lebenshaltungskosten bereits im vergangenen Herbst drastisch gestiegen sind. Der estnische Finanzminister Jürgen Ligi schiebt die Preissteigerungen dagegen auf teure Lebensmittel und Energiepreise auf den Weltmärkten. Mit dem Euro habe das nichts zu tun.
Euro kein Teuro?

Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Finanzminister Ligi ist Euro-Fan von Amts wegen
Diese Auffassung teilt Michael Stenner von deutsch-estnischen Handelskammer in Tallinn. Die Regierung habe sehr darauf geachtet, die Preisbildung transparent zu machen. Er glaube nicht, dass es zu Preisaufschlägen bei Restaurants oder Hotels kommen werde, wie bei der Euro-Einführung in Deutschland 2002. Michael Stenner muss es wissen: Er führt selber ein Luxushotel in der Altstadt von Tallin.
Der Handel zwischen Estland und der Euro-Zone werde im Volumen nicht explodieren, so Michael Stenner. Dadurch, dass der Umtausch und komplizierte Banküberweisungen wegfielen, werde der Handel aber insgesamt einfacher. Vor allem zeige Estland möglichen Investoren, dass es weiter sei als die beiden anderen baltischen Staaten Litauen und Lettland, die mehr unter der Wirtschafts- und Finanzkrise leiden. "Nächstes Jahr haben wir ja auch einen Doppeleffekt: Die Euroeinführung und Tallinn als Kulturhauptstadt Europas. Das könnte mehr Besucher und Gäste nach Tallinn bringen." .(www.dw-world.de)
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